18. November 2017

Die OneNote-Feature-Lotterie

Neue Features in OneNote brauchen ein Update? Nein, sondern Glück! Die neue Funktion von heute kann morgen schon wieder weg sein. Kein Bug, sondern Absicht von Microsoft.

Eigentlich wollte ich heute von einer neuen Funktion im November-Update der Windows-10-App berichten. Nämlich der Möglichkeit, nicht nur die aktuelle Seite, sondern wahlweise auch ganze Abschnitte oder Notizbücher zu drucken. Ausprobiert, für gut befunden und angefangen, zu schreiben. Am nächsten Tag wollte ich noch einen Screenshot vom Druckdialog machen. Überraschung! Die Druckfunktion war wieder weg. Alles genau wie vor dem Update. Laut MS-Store-App hatte es aber kein erneutes Update gegeben, das diese Funktion eventuell wieder gestrichen haben könnte.

Gestern da, heute weg: Die neue Druckoption in der Windows 10 App. Und das ohne Update aus dem Store!

Ähnliche Fälle finden sich zunehmend als verwunderte Beschwerden in den Microsoft-Answers-Foren. Zumeist geht es um ganze Funktionsgruppen (zum Beispiel die neue Stiftauswahl bei der iPad-App), die an einem Tag da sind und am nächsten plötzlich weg.

Zu diesem Problemkomplex gehört aber auch ein wesentlich häufiger auftretender Fall: Microsoft kündigt neue Features mit einem bestimmten Update an. Man freut sich drauf, bekommt wenig später das Update mit exakt dieser Versionsnummer, aber die neuen Features fehlen. Oder es sind nur ein paar vorhanden, andere aber nicht.

Einer der Gründe kann sein, dass die betroffenen Funktionen nur Nutzern eines Office-365-Abos zur Verfügung stehen (zum Beispiel die Ink-Effekte) und OneNote gar nicht „weiß“, ob Sie ein solches Abo besitzen. Das lässt sich in der Regel dadurch beheben, dass man den Client mit seinen Office-365-Zugangsdaten und dem zugehörigen OneDrive verbindet – auch wenn die Notizbücher auf einem kostenfreien Microsoft-Konto liegen. Nach einem Neustart der App sollten die Funktionen dann vorhanden sein.

Vielleicht mehr Glück bei der nächsten Ziehung

Das ist aber nicht immer der Grund. Auch solche Funktionen, die eben nicht an ein Office-365-Abo geknüpft sind (wie die eingangs erwähnte Druckoption) können vom unbegründeten Fehlen oder gar nachträglichen Verschwinden betroffen sein.

Dahinter steckt leider kein Bug, sondern Methode. Microsoft verweist im Kleingedruckten auf der Webseite mit den Update-Beschreibungen für OneNote oft auf so genannte „Gradual Updates“ (auf der englischen Seite, die deutsche ist da immerhin ein wenig deutlicher). Das steckt dahinter: Ein neues Update (im Sinne der Versionsnummer) wird zum vorgesehenen Zeitpunkt zwar an alle Nutzer ausgeliefert. Die neu angekündigten Funktionen erhält aber nur ein nach dem Zufallsverfahren ausgewählter Teil. Es gibt Grund zur Annahme, dass diese Gruppe der „Privilegierten“ anfangs noch recht klein ist und nach und nach ausgeweitet wird. Das heißt, die neuen Features (oder auch nur Teile davon) werden quasi ferngesteuert aktiviert, ohne dass es dazu ein weiteres Update der App bräuchte. Diese Praxis verfolgt Microsoft (zumindest bei OneNote für Windows 10, Mac und iOS) schon eine ganze Weile. Neuerdings scheint es allerdings auch so, dass – vermutlich wiederum für zufällig ausgewählte Gruppen – einzelne Features auch wieder abgeschaltet werden.

Im Kleingedruckten weist Microsoft darauf hin, dass neue Features nicht automatisch allen mit einem App-Update zu Gute kommen.

Das muss man sich wohl nicht so vorstellen, dass Microsoft „mit langem Arm“ per Remote Control oder ähnlichen Verfahren auf die Rechner der OneNote-Nutzer zugreift und die App verändert. Vielmehr dürfte es so sein, dass es für neue Features im Code der OneNote-Clients einen versteckten On-Off-Schalter gibt, den OneNote nach einer Rückfrage beim Server, ob die eigene ID zum Kreis der glücklichen Gewinner gehört, selbst umlegt.

Hinweis: Dieser Mechanismus gilt nicht nur für Teilnehmer am Office- oder Windows-Insider-Programm, die sich ja als Betatester zur Verfügung stellen, sondern auch für ganz reguläre Updates.

Wer übrigens aus irgendeinem Grund die OneNote-App deinstalliert und wieder neu installiert, landet automatisch erneut im Lostopf, wie ein OneNote-Entwickler im Reddit-Forum jüngst zugab. Das ist also auch eine Möglichkeit, eine neue Funktion, die bereits aktiviert war, unbeabsichtigt wieder loszuwerden.

Was ist mit den „Experimentellen Funktionen“?

Seit einiger Zeit hat Microsoft einigen OneNote-Versionen (zum Beispiel für MacOS, iOS und Windows 10) einen Schalter in den Optionen hinzugefügt, mit dem sich „Experimentelle Funktionen“ aktivieren lassen. Der hat zum Beispiel in der Phase der Umstellung auf die neue Oberfläche diese wahlweise ein- oder ausschalten lassen.

Placebo: Den Schalter für „Experimentelle Funktionen“ scheinen die Entwickler nicht mehr zu nutzen.

Diese Möglichkeit, neue Features beim Kunden zu testen, scheinen die Entwickler aber seither völlig ungenutzt zu lassen. Der Schalter zeigte in den letzten Updates überhaupt keine erkennbare Funktion. Nicht mehr der Nutzer entscheidet, ob er ein neues Feature – das sich vielleicht noch in der Testphase befindet – ausprobieren möchte oder nicht. Microsoft entscheidet, wer es bekommt – und zwar rein nach dem Zufallsprinzip.

Der Kunde als Versuchskaninchen

Ein bisschen erinnert dieses Verfahren an wissenschaftliche Studien, etwa zur Wirkung von neuen Medikamenten. Neben der Studiengruppe, deren Mitglieder das Medikament verabreicht bekommen, gibt es eine zumeist zufällig zusammengestellte Kontrollgruppe ohne das Medikament. So sollen zum Beispiel Placebo-Effekte vermieden werden. Ok, hier versagt der Vergleich. Zumindest habe ich noch nie von einer Placebo-Funktion in OneNote gehört (sie funktioniert, obwohl sie gar nicht da ist) 😊.

Spaß beiseite: Ich halte dieses Update- und Testverfahren von Microsoft für fragwürdig bis unverschämt. Vor allem das unvermittelte und unangekündigte Entfernen von Features, die gestern noch da waren, zerstört jeden Workflow. Auf welche Features soll man sich denn künftig noch verlassen können? Der Nutzer als Betatester – das kennt man ja in der Softwarebranche seit Jahrzehnten. Aber diese radikale Methode sollte Microsoft dringend überdenken. Zumindest dann, wenn das Unternehmen wenigstens den Anschein wahren möchte, seine Kunden und Nutzer (ich unterschiede das bewusst, weil Nutzer kostenloser Software wie der Onenote-App vielleicht von MSFT gar nicht als „Kunden“ gesehen werden) ernst zu nehmen.

 

6 Kommentare

  1. Microsoft macht A/B Testing. Macht Google beispielsweise auch. Auch da werden Features entfernt, die genutzt werden und gut sind. Beispielsweise kann man derzeit im Feed die Karten nicht mehr wegwischen, sondern muss umständlich übers Menü gehen.
    Anders als bei Google gibt es bei Microsoft aber eine freiwillige Beta-Tester Riege (insider). Ich stimme da auch zu, dass dieses Testen lieber bei der Nutzergruppe verbleiben sollte und nicht auf den „normalen“ Enduser abgewälzt wird. Immerhin bekommt MS dort ja auch kein Feedback…

    • Richtig, A-B-testing, der Begriff war mir entfallen. Danke.
      Der Knackpunkt hier ist vor allem, wie Du selber anmerkst, dass diese Tests auch bei jenen Nutzern durchgeführt werden, die sich nicht freiwillig als Tester gemeldet haben und die Software wahrscheinlich produktiv einsetzen. Das Feedback bekommt MS mit Sicherheit von allen. Nicht unbedingt in Form direkter Wortmeldungen, aber als Telemetriedaten, die MS auch bei OneNote reichlich erhebt. Sie wissen also durchaus, wer (evtl anonym, also zumindest wieviele) eine bestimmte Funktion nutzt und wie.

  2. So langsam fange ich an, „freie“ Software zu hassen. Offensichtlich glauben die Ersteller inzwischen, dass sie damit machen können, was sie wollen. Weil sie juristisch zu nichts mehr verpflichtet sind.
    Ein weiterer Punkt, der mich immer mehr ärgert, dass es keine Dokumentation der Funktionen gibt.

    Bernd

    • OneNote ist nicht frei, nur die App ist kostenlos…

      • Da kann man trefflich drücber diskutieren. Von 8 OneNote-Versionen (W32 Office, W32 free, Win10-App, iPad, iPhone, Android, Web, W8/10 Mobile) sind sieben uneingeschränkt frei, also z.B. von jedem aus dem jeweiligen Store kostenlos erhältlich.
        Nur die mit Office gebundelte Version von OneNote 2010/2013/2016 könnte man als kostenpflichtig bezeichnen, weil Office eben Geld kostet und die Version anders nicht zu bekommen ist. Die unterscheidet sich aber gerade mal nur noch durch ganz wenige Features von der kostenlosen Desktop-Version.
        Ich wage aber mal zu behaupten, dass kein Office-Käufer (der es sich wohl wegen Word oder Excel zulegt) sich das Paket wegen OneNote kauft oder andersherum eine Preissenkung fordern würde, wenn sich MS entscheidet, OneNote 2016 nicht mehr beizulegen. Von da her kann man schon eher von „frei“ sprechen. Frei genug jedenfalls, dass MS sich einiges herausnehmen zu können glaubt (nein, es definitiv auch kann). Kostenplflichtig (weil an ein Office 365 Abo gebunden) sind allemal ein paar wenige Funktionen wie die „lustigen“ Ink-Effekte der App.

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